Vor fünfzig Jahren verbrannte sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz (*1929) vor der Zeitzer Michaeliskirche. Er wollte ein Zeugnis für die Glaubensfreiheit geben und gegen die atheistische Bildungspolitik der Partei- und Staatsführung der DDR mit seiner Selbstverbrennung und seinen vorher aufgestellten Plakaten protestieren, die sofort von der Polizei weggeschafft worden waren, bevor man sich um den Schwerverletzten kümmerte. Wenige Tage später verstarb er im Krankenhaus Halle – Dölau an den Folgen seiner Selbstverbrennung. Niemand durfte ihn in den vier Tagen im Krankenhaus besuchen. Die Staats- und Parteiführung der DDR wollte seine öffentliche Selbstverbrennung erst völlig verschweigen und forderte dann, als die Nachricht von der Selbstverbrennung in Zeitz über die westlichen Medien lief, die Magdeburger Kirchenleitung auf sich von ihrem Pfarrer öffentlich zu distanzieren. Diese zeigte sich zwar betroffen von der Selbsttötung eines ihrer Pfarrer. Aber der zuständige Propst Friedrich-Wilhelm Bäumer (1917-2003) schloss beim Begräbnis am 26. August 1976 eine Distanzierung und später gar eine nachträgliche Verurteilung des Pfarrers grundsätzlich aus. Daraufhin veröffentlichte das Neue Deutschland am 31.08. einen Artikel unter dem Titel „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ , in dem der Pfarrer als geistesgestört und in Wahnvorstellungen handelnder Aktionist diffamiert wurde. Es folgten Protestbriefe aus den Gemeinden und ein „Wort an die Gemeinden“ der Kirchenleitung, die eine weitere neue Debatte zum Verhältnis Staat und Kirche in der DDR auslösten.
Die politischen Folgen der Selbstverbrennungen des Studenten Jan Palach 1969 in der Tschechoslowakei und des Pfarrers Oskar Brüsewitz 1976 in der DDR hat PD Dr. Sabine Stach (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas) sehr gründlich und mit weitreichenden Schlussfolgerungen untersucht. Sie hat die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit in ihrem Buch „Vermächtnispolitik“ 2016 veröffentlicht und auf dem Symposion im Kirchsaal des Greizer Oberen Schlosses als erste Referentin vorgestellt. Sein Opfertod sei zu einer Verpflichtung (sie nennt es „Vermächtnis“ oder „Katalysator“) für die folgenden Generationen in der DDR geworden, bei den Themen Menschenrechte und Friedensinitiativen aktiv und öffentlich zu wirken und nicht aufzugeben, wenn der Staat ein Gedenken an die politischen Opfer verdrängen und ein Martyrium verhindern will. Eine Menschenrechtsgruppe habe sich in Naumburg gebildet. Ökumene-Kreise und Umweltgruppen wären eine indirekte Folge des politischen Martyriums des Pfarrers in Zeitz gewesen. Ein „Brüsewitz – Zentrum“ (zuletzt in Bonn) habe sich zur Unterstützung des Freikaufs von inhaftierten DDR-Flüchtlingen gebildet. Und ein Synodaler habe in der Kirchensynode sogar einen kirchlichen Gedenktag für Oskar Brüsewitz beantragt. Dieser Pfarrer vereinte in seiner Person und in seinem Wirken alle Merkmale eines politischen Märtyrers, stellte die Referentin fest. Im anschließenden Gespräch räumte sie ein, das andere Ereignisse wie die Ausbürgerung von Wolf Biermann im selben Jahr oder die Helsinki Beschlüsse von 1975 ebenfalls tiefgreifende Folgen für die spätere Entwicklung in der Menschenrechtsbewegung der DDR hatte.
Der zweite Referent OKR i.R. Christian Fuhrmann hat die kirchlichen und staatlichen Akten zum „Signal aus Zeitz“ gründlich studiert und ausgewertet. Besonders die über achtzig Briefe aus dem Zeitzer Kirchenkreis an Bischof Krusche in Magdeburg zeigen die kontroverse Diskussion in den Gemeinden und in den Pfarr- Konventen zum „Opfer“ und zur „Selbsttötung“ des Pfarrers. Schon D. Bonhoeffer habe in seiner Ethik festgestellt, dass niemand die Gründe für eine Selbsttötung ergründen könne und ein Mensch, der sein Leben für die Freiheit opfert, nicht verurteilt werden darf. Warum habe sich aber die Kirchenleitung von der Selbsttötung als Tat zuerst distanziert, schreibt ein Kirchenältester aus Zeitz, da Pfarrer Brüsewitz doch ein Zeuge Christi sein wollte. Wer der Tat aus guten Gründen nicht zustimmen könne, distanziere sich damit aber zugleich von dem Menschen, der sie ausführte, schreibt der Kirchenälteste. Die Kirchenleitung habe die Kontroversen in den Gemeinden und Konventen sehr ernst genommen, stellte der Referent fest, und in den folgenden Jahren offen ihre Verhandlungspolitik mit der Staats- und Parteiführung versucht zu kommunizieren. Ein Gespräch zur atheistischen Bildungs- und Erziehungspolitik, die eigentliche Forderung des Pfarrers Brüsewitz habe es allerdings mit den Vertretern der Staats- und Parteiführung auf Kirchenleitungsebene bis zum Ende der DDR nie gegeben. Der Referent räumte anschließend ein, dass das diplomatische Lavieren mit den Staatsvertretern für den Erhalt oder die Schaffung von kirchlichen Freiräumen zumindest bei den Bildungs- und Erziehungsfragen völlig erfolglos war. Bei anderen Verhandlungen zu den offenen Fragen innerhalb der abgegrenzten DDR wäre die vorsichtige „Annäherung“ der Kirche an den Staat für viele Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR zumindest hilfreich, wenn auch keine Lösung gewesen.
Ein Pfarrer, der für seinen Glauben brannte, war für Elly-Viola Nahmmacher der Pfarrer in Zeitz. Sie teilte der Witwe Frau Brüsewitz spontan und schriftlich mit, dass sie an einer Holzskulptur für des Grab von Oskar Brüsewitz arbeite. Um das Werk der Künstlerin machte sich der dritte Referent, Pfarrer Stephan Bickhardt, verdient. Er begleitete das Werk und die künstlerische Entwicklung der Greizer Bildhauerin über viele Jahre. Sie habe sich zu einer der profiliertesten Künstlerinnen der Kirchenkunst entwickelt. Ihre Apokalypse aus Holz für Brüsewitz sei mit den flehenden Händen in den Flammen und dem Leidenskelch aus den Händen eines weinenden Engels eine beeindruckende Zeugnis- und Martyriums- Darstellung. Die „Feuerapokalypse“ öffnet mit ihren Hohlformen und Durchbrüchen zugleich für eine Welt jenseits des Augenscheinlichen, jenseits des Leidens, den Raum für das Wirken Gottes. Ein Busfahrer war der erste, der versuchte Brüsewitz zu retten, indem er eine Decke über den brennenden Pfarrer warf. Die Künstlerin hat diesen Vorgang auf dem Zeitzer Markt aufgegriffen und kann in ihrer Skulptur mit ihrer fein gearbeiteten Umhüllung die unterschiedlichsten Ereignisse (später auch Materialien) zusammenbringen und schenkt dem Betrachter mit der Skulptur einen weiten Raum, wo er erfahren kann: Gott deckt eine andere Welt auf, verhüllt das Leiden und enthüllt das Heilende. Er sorgt für neues Leben, wenn die Schrecklichkeiten und Leidenserfahrungen dieser Welt sichtbar werden.
Musikalisch hat Johannes K. Hildebrandt, der Sohn des damaligen Superintendenten von Oskar Brüsewitz, überzeitliche Geborgenheit bei bedrohlichen Lebenserfahrungen in eine Komposition übertragen und in Teilen zwischen den Referaten elektronisch gespielt.
Mitglieder des Nahmmacher Freundeskreises haben zum Abschluss die „Reise“ der „Feuerapokalypse“ aus der Werkstatt der Künstlerin in den „Keller“ des Geraer Stadtmuseums, abgeholt von Mitarbeitern der Staatssicherheit kurz vor ihrer Aufstellung am Totensonntag 1977, ihre „Wiederauffindung“ in Gera durch Mitglieder des Neuen Forums und ihre „Rückkehr“ aus Hofgeismar, wo die Skulptur seit 1991 in der Stadtkirche aufgestellt worden war, nach Greiz im vorigen Jahr kurz berichtet. Außerdem warben die Mitglieder des Freundeskreises um Hilfe bei der Suche nach einem Ausstellungs- und Archivraum für die Nahmmacher- Werke sowie um Zeitzeugen für Interviews, die mit Frau Nahmmacher gut bekannt waren.
Besonderen Dank gilt Frau Häckel, die für die Ökumenische Akademie Ostthüringen Organisation und Versorgung gestaltete, dem Museum und seinem Direktor Herrn Koch für die Ausstellung weiterer Werke der Künstlerin sowie der Ausstellung zu Oskar Brüsewitz selbst, Herrn Steinke für die Moderation der Veranstaltung sowie den Mitgliedern des Freundeskreises für die Werbedrucke einiger Werke der Künstlerin und ihre persönliche Führung der Gäste durch unsere Stadt.
Sup. i. R. Andreas Görbert



